Mittelalter + christliche Mystik

 

Ursprünge:

Angesprochen und von innerlichen Rufen der Lehre Christi angespornt (abgesehen von einigen Christenverfolgungen, vermutlich ging da sehr viel Hand in Hand), zogen viele Männer und Frauen in die Wüste, um Gott zu finden. "Loslassen" zu erlernen und dadurch Jesu zu folgen war ihr Hauptbestreben. Dies fand ca. ab dem 3 Jhdt.n.Ch. bis zum max. 5 Jhdt.n.Chr. statt. Wir nennen diese Menschen "Wüstenväter", - von "Wüstenmüttern" tauchen keine Überlieferungen auf, wobei ich doch annehme, dass es auch so manche Frau zu beachtlicher Weisheit brachte.

 

Das "engelgleiche Leben" galt als die höchste Frucht dieses Wüstendaseins. Auch den Wüstenvätern ging es um die Ruhe, die Seelenruhe, die sie durch Askese, Gehorsam und Demut zu erlangen suchten (auch unter ihresgleichen). Dabei redeten sie nur dann, wenn sie darum gebeten wurden oder Gott ihnen das "rechte Wort" gab. Ansonsten schwiegen sie von diesen höchsten Dingen der engelgleichen Erfahrungen.

Lit.11/S.14

Altvater Abbas Euagrios: "Schneide ab die Neigungen zu vielem (zu vielerlei Dingen), damit nicht dein Sinn verwirrt werde und du nicht die Haltung der Herzensruhe zerstörst".

Lit.11/S.42

Im Mittelpunkt der Seelenruhe der Altväter aber saß das Herz.

Wie könnte man sonst den Ausspruch von Altvater Silvanos verstehen, er habe niemals in sein Herz einen Gedanken gelassen, der Gott erzürnen würde?

Wer habe schon Gewalt über seine Gedanken? Wichtig sei, wie wir mit den Gedanken umgehen, die kommen und gehen. Ob wir ihnen einen Platz in unserem Inneren einräumen, das sei von Bedeutung.

Lit.11/S.25


So ist zu der Seelenruhe der Antike nun die Herzensruhe der frühen Christen hinzugetreten.

Lit.1/S.74

Mittelalter

Aus wissenschaftlicher Sicht dürfte unbestritten sein, dass das Wort "Gelassenheit" von Meister Eckhardt gebildet und erstmals von ihm verwendet wurde. Damit fällt die Entstehungsgeschichte dieses Wortes in das beginnende 14 Jhdt. und in die geistesgeschichtliche Epoche des Spätmittelalters. Wie ist es möglich, fragen wir uns, dass gerade in der Epoche, die als die "dunkle" bezeichnet wird, positive Zustände oder Geisteshaltungen wie Glück oder Gelassenheit ihre sprachlichen Ausdrucksformen fanden? Oder gewannen mystisches Denken und spirituelles Erfahren an Raum, gerade weil es "dunkel" war? Wir gelangen zu der Hypothese, dass das sich verstärkende Streben nach Gelassenheit (und dadurch auch nach Glück) als Reaktion auf Angst zu erklären ist. Wenn Gelassenheit das Höchste, den Sinn menschlichen Lebens darstellt, dann gilt: Je größer die Angst der Menschen, umso stärker ihr Sehnen nach Glück und Gelassenheit. ...

... Gelassenheit im Spätmittelalter steht im Spannungsfeld zwischen Diesseits und Jenseits. Sie ist geprägt von der Sehnsucht nach Gott, die das Leben der Menschen im Abendland wohl zu keinem anderen Zeitpunkt so intensiv beeinflusst hat. Gelassenheit auf Erden sollte die Nähe zu Gott spätestens im Jenseits garantieren.

Lit.1/S.73- S.75

Auch das Gottesbild blieb von den weltlichen Veränderungen nicht unberührt. Neben den leidenden Christus trat im Spätmittelalter der drohende Gott mit seinem jüngsten Gericht. Das Sterben wurde als das unmittelbare wirken einer tötenden Gottheit begriffen, was ein Novum war und die Todesängste noch beflügelte (Dinzelbacher1996 S.136). Während im frühen Mittelalter der kämpfende, streitbare und überlegende Gott Schutz und Sicherheit versprach, brachte man den spätmittelalterlichen Gott mit Bestrafung und Jenseitsangst in Verbindung.

Lit.14/S.126ff

Es ist ein stufenreicher Weg dorthin, und jede so erreichte Ebene des Gelassenhabens (Losgelassen Habens) verstärkt das Sehnen, das Bedürfnis nach mehr.

Lit.1/S.176